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 Gestalten der Dämmerung

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Nele
Gast



BeitragThema: Gestalten der Dämmerung   Do 07 Jun 2012, 01:31


Dämmerungsgestalten
Weil in uns immer noch das Wolfsherz schlägt.

Das Feuer brannte warm im Kamin und in dem kleinen Einfamilienhaus roch es nach Abendessen. Eine junge Frau stand am Herd und rührte in einem Topf und warf ab und an einen Blick auf ihre kleine Tochter, die mit ihren Puppen mitten im Wohnzimmer saß und spielte.
Die Tochter schien die Erste zu sein, die das Knacken im Türschloss bemerkte und rannte auf die Tür zu. Ein breitschultriger Mann trat herein und ein Schwall eisiger Luft folgte ihm durch die Tür.
Das Mädchen strahlte. „Papa, Papa! Liest du mir eine Geschichte vor?“

"WIR SIND FREI, VOGELFREI. SO FREI, WIE MAN NUR SEIN KANN!"


Kurze Zeit später hatte sich der Vater erschöpft von der Arbeit in einen der beiden Sessel im Wohnzimmer gesetzt und hielt das Mädchen im Arm, welches eifrig in einem Buch blätterte.
„Erzähl mir die Geschichte von den Dämmerungshunden.“
Er lachte „Also gut. Vor einiger Zeit lebten ganz viele Hunde auf dieser Insel. Sie streunten durch die Gassen und rannten über die Felder. Sie waren ihre eigenen Herren und Damen. Niemand bestimmte über diese wilden Hunde. Aber sie hatten es schwer, denn die Menschen waren geizig und gaben ihnen nichts zu fressen in den eisigen Wintermonaten. Ihre Mägen knurrten und sie stritten sich, weil sie so Hunger hatten. Alle schönen Stunden im Sommer waren vergessen. Der Hunger beherrschte die wilden Hunde auf der Insel.
Aber sie fanden Trost in der Dämmerung. Die heiße Röte, die sich über den eiskalten Nachthimmel erstreckte gab den Streunern Hoffnung. In der kurzen Stunde, in der die Dämmerung aufblühte und wieder verblasste waren die Hunde voller Freundlichkeit und Vertrauen zueinander. Sie arbeiteten zusammen, anstatt sich zu bekämpfen.
Und in dieser Stunde der Hoffnung rückten sie zusammen in dem eiskalten Schnee und kuschelten sich aneinander, schlossen die Augen und fielen in eine Welt der Träume. In ihrer Traumwelt war es nicht mehr Winter sondern der langersehnte Frühling herrschte über das Land. Die Streuner hatten keinen Hunger mehr und mussten nicht mehr jagen um ihr Überleben zu sichern. Dort konnten sie sorglos leben und glücklich sein. Glücklicher sein als in der Schneewüste, in der sie aneinandergedrückt lagen und sich versuchten zu wärmen. In dieser Welt wollten sie leben und somit trotzten sie dem Alltag von Kämpfen und Essenssuche und warteten voller Vorfreude auf die langersehnte Dämmerung, in der sie wieder glücklich sein durften.“

"WEIL IN UNSEREM INNEREN IMMER NOCH DAS WOLFSHERZ SCHLÄGT!"


„Dann ist Waldi auch ein Dämmerungshund?“, fragte das kleine Mädchen und deutete auf den alten Dackel, der zusammengerollt auf dem Teppich vor dem Kamin lag. Dieser hob müde den Kopf und blickte verträumt zu den beiden Menschen.
„Nein, das glaube ich nicht. Im Übrigen ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Ich erzähle sie dir morgen zu Ende. Nun lass uns aber essen gehen. “ raunte der Vater und drückte das Mädchen liebevoll an sich, ehe er sich erhob und zu dem gedeckten Tisch ging, an dem die Mutter bereits wartete.
Der braune Dachshund erhob sich in der Zeit ungesehen von seinen Menschen und sprang mit letzter Kraft auf einen Stuhl, von dem aus er aus dem Fenster sehen konnte.
Die Dämmerung hatte den Himmel bereits feuerrot erhellt und spiegelte sich matt auf dem glitzernden Schnee wieder. Im Garten stand ein Baum um den sich eine kleine Bande von Schatten versammelt hatte, die enganeinander gedrückt vom roten Feuer am Himmel beschienen schlummerten. Der Dackel drückte die Zähne aufeinander um ein Knurren zu unterdrücken. Diese Streuner würde er nicht verraten. Er selbst wusste, wie es war dort zu liegen und in einem nicht echten Land umher zu wandern. Er wusste wie dieses Leben war, dieses Leben als Gestalt der Dämmerung....

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